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Folge 16: Frischer Wind im Kongress

 

 

For one of us to make it through, a hundred of us have to try – Alexandria Ocasio-Cortez

 

Alle vier Jahre werden internationale Nachrichten von der Präsidentschaftswahl in den USA dominiert. Dass jedoch auch die Kongress- und Senatswahlen von großer Bedeutung für die amerikanische Politik sind, wird oft vergessen. Doch wie läuft so ein Wahlkampf ab und was motiviert jemanden, in die Politik zu gehen? Die Netflix Doku Frischer Wind im Kongress folgt vier Frauen in ihrem Kampf um einen Sitz im Kongress.

 

Wir schreiben das Jahr ist 2018: Vier Frauen haben große Ambitionen und wollen als Teil des Kongress etwas verändern. Die Dokumentation folgt ihnen vom Beginn ihres Wahlkampfes bis zur Verkündigung des Ergebnisses. Die porträtierten Frauen sind zum Teil auch international bereits bekannt teils aber auch (noch) unbekannt:

 

  • Alle, die sich ein bisschen mit amerikanischer Politik beschäftigen, haben vermutlich schon einmal von Alexandria Ocasio-Cortez (kurz „AOC“) gehört. Nach ihrem abgeschlossenen Studium in Wirtschaftswissenschaft kehrte sie in die New Yorker Bronx zurück und arbeitete als Kellnerin. Frustriert über den amtierenden Abgeordneten Joe Crowley beschloss sie, sich für ihren Heimatbezirk einzusetzen und tritt nun gegen den alteingesessenen Demokraten an. Sie ist auch ganz klar der Star dieser Dokumentation.

 

  • Cori Bush tritt in Missouri an. Sie will sich vor allem gegen den bestehenden Rassismus und die daraus resultierende Polizeigewalt gegenüber Afro-Amerikaner*innen einsetzen. Wenig überraschend lebt sie nicht weit entfernt von der Stadt Ferguson, in der 2014 der afro-amerikanische Jugendliche Michael Brown von einem Polizisten erschossen wurde. Als Reaktion kam es in der Stadt zu Unruhen zwischen Polizist*innen und Demonstrant*innen.

 

  • Amy Vilela kandidiert in Las Vegas und setzt sich zentral für eine allgemein verfügbare Krankenversicherung ein. Ihre 22-jährige Tochter starb an einer Lungenembolie, nachdem das Krankenhaus sie abgewiesen hatte, weil sie keine Krankenversicherung hatte.

 

  • Paula Jean Swearengin ist die Tochter eines Kohlearbeiters und kandidiert in West Virginia. Viele Menschen in ihrer Gemeinschaft leiden als Folge der langjährigen Arbeit in der Kohlekraft an Krebs, doch niemand setzt sich für sie ein. Sie engagiert sich außerdem gegen Umweltverschmutzung.

 

Was schnell auffällt, ist dass es sich bei diesen Frauen nicht um Karriere-Politikerinnen handelt. Sie wollen nicht ins Amt, um viel Geld zu verdienen oder weil es in ihrer Familie so Tradition ist (à la Kennedy oder Bush). Sie haben starke Motivatoren, auf Grund derer sie etwas im Land verändern wollen – eigentlich die Idealvorstellung, die Politiker*innen erfüllen sollten. Leider entspricht das oft nicht unbedingt der Realität. Aus diesem Grund stellt die Dokumentation auch Justice Democrat vor. Dieses Komitee hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Demokratische Partei zu revolutionieren, denn „we need a Democratic Party that fights for its voters, not big corporate donors“ (About, justicedemocrats.com). AOC ist eine der Delegierten, die sie aufgestellt haben, ebenso wie Ilhan Omar.

 

Eine weitere Dimension, die ich an dieser Dokumentation sehr spannend fand, war dass sie nicht das altbekannte Demokrat*innen vs Republikaner*innen / Gut gegen Böse ausgespielt hat. AOCs Gegner ist Demokrat, genau wie sie – das gleiche gilt für Cori Bush. Die Filmemacher*innen beleuchten, dass es auch innerhalb einer Partei Spaltungen und Meinungsverschiedenheiten gibt und auch, dass nicht alle Demokraten unbedingt selbstlose Ziele verfolgen. Während das vielen vermutlich bewusst ist, habe ich das Gefühl, dass viele mediale Darstellungen des politischen Prozesses doch eher schwarz-weiß sind. Diese Dokumentation hinterfragt zu einem gewissen Grad die Gründe und Strukturen der politischen Parteien und ihrer Mitglieder.

 

Frischer Wind im Kongress bietet auch einen guten Einblick in die Strukturen und Abläufe eines politischen Wahlkampfes. Die Kandidatinnen werden bei allem begleitet: Meetings mit ihrem Wahlkampfteam, beim Haustürwahlkampf und bei politischen Debatten. Gleichzeitig gewähren diese Frauen auch einen Blick in ihr Privatleben, wie dieser Wahlkampf sie beeinflusst und wie anstrengend es ist, einen solchen zu führen.

 

Ein weiterer Punkt, der vermutlich nicht überraschend kommt, ist dass Feminismus ein weiteres Thema ist. Die Dokumentation beginnt mit AOC, die sich vor ihrem Badezimmerspiegel schminkt:

 

Getting ready for women, it involves so many decisions about how you’re gonna present yourself to the world. ‘Cause there is kind of standard protocol for how a man, running for office, like, should dress. You either put on suit or you put on a light color shirt, slacks, and you roll up the sleeves.

 

Die Tatsache, dass es keinen wirklichen Standard für Frauen gibt, hängt damit zusammen, dass es bisher immer überdurchschnittlich mehr männliche Politiker als weibliche gibt. Wen es interessiert, findet hier die aktuelle Verteilung der Geschlechter auf den verschiedenen politischen Ebenen (Spoiler: Frauen besetzen generell nur um die 30% der Plätze). Aber es scheinen mit jeder Legislatur mehr zu werden.

 

Es ist ein wenig schwierig, über die Dokumentation zu schreiben, ohne die Leser*innen zu spoilern. Ich würde sagen, Frischer Wind im Kongress ist ein ehrlicher und nahegehender Einblick in den politischen Wahlkampf in der USA. Die Filmemacher*innen haben mit den vier Frauen eine gute Wahl getroffen, denn ihre Geschichten und ihre Entschlossenheit sind sehr inspirierend. Die Dokumentation regt auch sehr zum Nachdenken an, nicht nur über die amerikanische, sondern auch über die eigene Politik.

 

Ist diese Doku was für euch? Schaut doch mal in den englischen Trailer rein.

Die ganze Dokumentation findet ihr natürlich auf Netflix. Aber Netflix hat sie auch auf YouTube hochgeladen und für alle zugänglich gemacht!

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