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Folge 11: Sense8

(Pride Month Special #1)

Trigger Warnung: Suizid, Transphobie, Polizeigewalt, Homophobie, Nacktheit, explizite Sexszenen

FSK: 16

 

Happy Pride Month! Diesen Monat möchte ich euch eine der inklusivsten und experimentellsten Serien vorstellen, die ich je gesehen habe: Sense8.

 

Die Prämisse ist (mehr oder weniger) schnell erklärt: Ganz plötzlich sind acht Menschen mental miteinander verbunden. Verschiedene Länder, Sprachen und kulturelle Hintergründe – das Einzige, was sie verbindet, ist ihr Geburtstag. Durch diese unerklärliche Verbindung können sie einander sehen, verstehen und sogar füreinander handeln. Doch diese besondere Fähigkeit bringt gefährliche und einflussreiche Feinde mit sich, die vor nichts zurückschrecken, um sich sie für Ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen. 

 

Der Name verrät es schon – Sense8 hat acht Hauptfiguren:

  • Will ist ein Polizist in Amerika.
  • Riley ist eine isländische DJane.
  • Nomi ist eine amerikanische Hackerin.
  • Sun lebt in Südkorea und beherrscht zahlreiche Kampfsportarten.
  • Capheus fährt seinen Bus ‚Van Damn‘ (benannt nach Jean-Claude Van Damme) durch Nairobi, Kenia.
  • Lito ist ein brasilianischer Fernsehschauspieler.
  • Kala arbeitet in Indien und soll demnächst heiraten.
  • Und – last but not least – gibt es da noch Wolfgang, der Dieb und Safeknacker in Berlin ist.

 Das wirkt jetzt erst einmal sehr überwältigend, aber die Serie nimmt sich viel Zeit, die einzelnen Figuren gebührend einzuführen. Auch sind alle Charaktere so unterschiedlich, dass es nicht wirklich zu Verwirrungen kommt.

 

Die Serie wurden unter anderem von den Wachowski-Schwestern kreiert. Ihre bekanntesten Werke sind die Matrix-Reihe, V wie Vendetta und die Filmadaption von Cloud Atlas. Deswegen ist es nicht unbedingt überraschend, dass Sense8 so experimentell und philosophisch ist.

 

Zu Beginn habe ich ja gesagt, dass Sense8 eine der inklusivsten Serien ist, die ich je gesehen hab. Aber was meine ich damit? Nun, zum einen werden unterschiedliche Sexualitäten thematisiert. Nomi ist lesbisch und seit Jahren mit ihrer Freundin Amanita zusammen – die beiden führen eine der liebevollsten und romantischsten Beziehungen, die ich je in einer Fernsehsendung gesehen hab. Lito ist schwul, doch kann seine Beziehung mit seinem Freund Hernando (absolute cinnamon roll) nicht offen ausleben, da das brasilianische Schauspiel-Business sehr homophob ist. Und Capheus beginnt in der zweiten Staffel eine Beziehung mit einer Frau, die bisexuell ist. Diese Beziehungen sind Teil der Charaktere, aber nicht Hauptaugenmerk ihres Erzählstrangs. Sie sind einfach Teil von vielschichtigen Charakteren. Und doch zeigt die Serien auch die Homophobie (und in Nomis Fall auch Transphobie), die die Figuren erleben.

Ein weiterer besonderer Aspekt ist nämlich, dass Nomi transgender ist. Was ich so angenehm finde, ist, dass sie von der transgender Schauspielerin Jamie Clayton gespielt wird. Zu oft werden transgender Charaktere von cisgender Frauen (z.B. Chandlers Mutter in F.R.I.E.N.D.S.) oder cisgender Männern (z.B. Jared Leto in Dallas Buyers Club) gespielt. Tatsächlich kenne ich kaum transgender Schauspieler*innen in Mainstream-Hollywood. Hier findet ihr ein interessantes Video, das sich mit dem Casting von transgender Rollen auseinandersetzt.

Auch die Tatsache, dass die Hauptfiguren aus verschiedenen Ländern stammen, öffnet die Tür für einen diversen Cast. Viele Produzent*innen hätten vermutlich nur anglo-amerikanische Schauspieler*innen gecastet. Doch Sense8 ist einen anderen Weg gegangen. Viele der Schauspieler*innen stammen aus dem gleichen Land wie ihre Figuren. Als Resultat wurden nur vier weiße Schauspieler*innen gewählt. Die anderen Hauptfiguren, sowie viele Nebencharaktere, werden von BIPOCs gespielt.

 

Ich möchte auch noch einmal separat den Stil und die Kameraführung der Serie loben. Die Wachowskis haben die teure Entscheidung getroffen, die meisten Szenen in den Ländern zu drehen, in denen sie auch spielen. Das gibt Sense8 eine wunderschöne Optik und eine gewisse Authentizität. Das bedeutet auch, dass viele Szenen immer und immer wieder in verschiedenen Locations gedreht wurden. Die Prämisse der Serie erlaubt es den Figuren an verschiedenen Orten gleichzeitig zu sein und zu handeln. Das ist mit schlauen Kamera-Perspektiven und Schnitten gut gelöst. Dadurch gibt die Serie einen guten Outside- und Inside-View – wie eine Situation für Außenstehende aussieht und wie für die Hauptfiguren.

 

Nach all dem Lob muss ich natürlich auch die Schattenseiten beleuchten – na gut, die eine Schattenseite. Dadurch, dass es acht Hauptfiguren gibt, braucht die Serie sehr viel Zeit, um richtig anzulaufen. Während ich es für wichtig und gut halte, dass Sense8 die Vorstellung der Charaktere so ernst nimmt, braucht man doch einige Geduld, um an den Punkt zu gelangen, an dem es wirklich richtig spannend wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Serie deshalb leider viele Zuschauer*innen verliert. Aber ich kann versprechen, das Warten lohnt sich.

Ein weiterer semi-negativer Aspekt ist, dass Sense8 frühzeitig von Netflix nach zwei Staffeln abgesetzt wurde – und das mit einem sehr fiesen Cliffhanger. Die Aufregung unter den Fans war groß. Und das blieb nicht unbemerkt. Am Ende wurde ein zweistündiges Finale bewilligt. Ist das Ende zufriedenstellend? Den Umständen entsprechend finde ich, dass es den Macher*innen gelungen ist, einen würdigen Abschluss zu finden, auch wenn ich mich natürlich über eine komplette dritte Staffel gefreut hätte.

 

Eine letzte Sache sollte noch erwähnt werden: Netflix‘ offizielle FSK ist 16 und das absolut zu Recht. Zum einen gibt es teilweise sehr brutale Szenen. Zum anderen ist die Serie nicht schüchtern in Bezug auf Nacktheit (ja, teilweise sieht man alles) und Sexszenen. Auch wenn es der Serie gelingt, dabei nicht schmuddelig oder plakativ zu sein, ist es doch wichtig, potenzielle Zuschauer*innen darauf hinzuweisen. Sense8 ist vielleicht keine Serie, die man mit seinen Eltern schauen möchte.

 

Kurz und knapp: Sense8 ist eine wundervoll experimentelle und einzigartige Serie, die all die Facetten des menschlichen Lebens zeigt. Die Handlung ist spannend und die Optik kunstvoll und ansprechend. Sie ist sehr inklusiv und somit (leider) immer noch eine Besonderheit in einem Großteil der Medienlandschaft. Sie ist vielleicht nichts für Zartbesaitete, aber ein Muss für alle … ja, eigentlich für alle!

 

Hier findet ihr den Trailer und hier ein Video, das einen guten Einblick in die Serie und ihre Entstehung liefert.

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