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Folge 18: Selbstbestimmung ./. Politik - Abtreibung in the U.S.A.

 

In dieser Folge beschäftigen wir uns mal mit einem sehr umstrittenen Thema – besonders in den USA: Schwangerschaftsabbrüche, sowie die gesetzlichen Regelungen, die diese verbieten oder zulassen. Die derzeit vor den Gerichten umkämpfte Gesetzesänderung in Texas, die Abtreibung bei erstem Herzschlag (sogar in Fällen von Vergewaltigung und Inzest) verbietet, zeigt, dass selbst im Jahr 2021 die Menschen sehr verschiedene Auffassungen dazu haben, wieviel Autonomität eine Frau über ihren eigenen Körper haben sollte und ab wann ein menschliches Leben beginnt.

 

At one point a justice had said to me, “When do you believe a human life begins?” And I said, “Well Your Honor, we did not try to say exactly what moment that was.“ There is no one answer to that. Different religions have different answers to that question but there is no legal standard that said, “At this point the fetus becomes a human.” So, the question is, who gets to make the decision? Is it the woman, or is it the government? Sarah Weddington

 

Die 2018 erschienene Netflix-Dokumentation Selbstbestimmung ./. Politik - Abtreibung in den USA (en. Reversing Roe) gibt einen sehr guten und detaillierten Einblick in die Geschichte, die verschiedenen Lager und die zahlreichen Facetten von Abtreibungspolitik. Unterschiedliche Personen, von Politiker*innen über Ärzt*innen bis hin zu religiösen Persönlichkeiten, kommen zu Wort und können ihre Meinung zu diesem sehr aufgeladenen Thema äußern. Als Zuschauende*r merkt man gleich, dass die Diskussion um Abtreibungen nicht nur eine medizinische ist, sondern ein weitreichendes Netz aus verschiedenen Sachverhalten. So beeinflussen Themen wie Feminismus, Religion und Politik den Standpunkt, den eine Person in dieser Frage einnimmt, um nur ein paar zu nennen. Die Dokumentation nimmt sich Zeit, diese einzelnen Einflussfaktoren detailliert und differenziert darzustellen.

 

Beide Seiten bekommen ihre Zeit, ihre Sicht der Dinge zu erklären. Es werden Ärzt*innen interviewt, die Abtreibungen vornehmen, und darüber berichten, wie es ist, einen Beruf auszuüben, bei dem man nie weiß, ob man selbst oder die eigene Familie dadurch Gefahr läuft angegriffen werden – verbal oder physisch. Gleichzeitig kommt aber auch Troy Newman,  der Chef von Operation Rescue, zu Wort, der erklärt, wie er vorgeht um Abtreibungskliniken schließen zu lassen. Generell wird die Motivation der pro-life Seite näher beleuchtet:

 

The most important moral question of the abortion debate is, “What is in the womb?” Is it a person? Does it deserve our moral attention and protection or not? That is the most important question. In the pro-life movement, we’re outraged, because we believe that elective abortion is the taking of an innocent human life. That is an act of injustice that we can stop and need to stop.  - John Seago (Texas Right to Life

 

Diese Zweiseitigkeit ist für mich auch eine der großen Stärken dieser Dokumentation – vor allem die Tatsache, dass beide Seiten tatsächlich interviewt werden und so selbst ihre Beweggründe in Worte fassen können. Viele Dokumentationen betrachten zwar ein Thema von einer „objektiven“ Erzählinstanz, oft aber doch aus einer bestimmten Meinung heraus – das ist hier nicht der Fall.

Auch mit Bezug auf Religion schafft es die Doku, einen unparteiischen Blick zu wahren – was mich definitiv überrascht hat. Eine Person, die immer wieder zu Wort kommt, ist Rev. Davis, der Aktivist bei Planned Parenthood ist und selbst früher in der Abtreibungsberatung tätig war. So erzählt er zum Beispiel, dass die erste legale Abtreibungsklinik in der U.S. vom New York Klerus eröffnet wurde. Er beschreibt die Kirche und ihre Motivationen auch relativ reflektiert:

 

So, as long as there was no New York law or no Roe v. Wade, the woman was really an outlaw. She was moving around, trying to get some procedure that was against the law. And nobody really tried to stop her very much. But when the Court said, “You have the right to make this decision. You have the right to define your life. Not religion.” That was unacceptable.   - Reverend Davis

 

Trotz dieser beidseitigen Repräsentation finde aber ich schon, dass die Dokumentation sich tendenziell mit einer Seite solidarisiert – und zwar mit der pro-choice Seite. Generell werden mehr Fürsprecher*innen interviewt, die sich gegen ein Abtreibungsverbot aussprechen, und auch die Art und Weise, wie alles inszeniert wird, spricht dafür. Ein gutes Beispiel hierfür ist Wendy Davis' Filibuster (auch bekannt als „the people’s filibuster“): Sie sprach für 13 Stunden ununterbrochen vor dem Kongress, um zu verhindern, dass ein Abtreibungsgesetz verabschiedet wird und wurde dabei von sehr vielen Befürworter*innen unterstützt. Doch auch Filibuster sind an sich umstritten, da sie oft als letztes Mittel zur Blockade von Gesetzesentwürfen eingesetzt werden. Dass die Dokumentation Davis' Filibuster als etwas heroisches und bemerkenswertes inszeniert, zeigt ganz klar, auf welcher Seite die Filmemacher*innen stehen. Dieses Video gibt einen Einblick in diese Aktion und zeigt die Reaktionen von beiden Seiten.

 

Filmisch macht die Dokumentation auch einiges her. Die Schnitttechnik sorgt dafür, dass der Film spannend ist und er kann einem beizeiten auch sehr nahe gehen. Ich war an vielen Stellen unglaublich frustriert, vor allem von den Aussagen, Argumenten und Handlungen der pro-life Seite und bin mir natürlich darüber bewusst, dass dies auch von der Art der Aufbereitung des Dokumentationsmaterials beeinflusst wurde.

 

Der Titel Selbstbestimmung ./. Politik - Abtreibung in den USA lässt keinen Zweifel daran, dass die Dokumentation sich nur mit der U.S. und ihrer Gesetzeslage beschäftigt. Aber es hat mich dazu bewegt, mich noch einmal tiefer mit der Abtreibungssituation in Deutschland zu befassen. Denn obwohl Abtreibungen (unter bestimmten Auflagen) straffrei sind, sind sie nach § 218 dennoch rechtlich illegal. Innerhalb von Deutschland gibt es Bewegungen, dies zu verändern, wie beispielsweise diese Petition. Aber natürlich gibt es auch bei uns Stimmen, die sich gegen Abtreibungen aussprechen. In diesem Video treffen beide Seiten aufeinander.

 

Diese  Dokumentation zeigt einen vielseitigen und diversen Blick auf das emotional sehr aufgeladene Thema Abtreibung. Ich denke, dass viele Menschen noch einiges von ihr lernen können. Besonders positiv finde ich, dass beide Seiten zu Wort kommen und ihre Motivationen mitteilen können – dennoch sollte man sich bewusst sein, dass diese Doku nicht unbefangen ist. Es handelt sich hierbei definitiv nicht um entspannte Abendunterhaltungen, aber es ist ein Thema, mit dem sich jede*r einmal beschäftigen sollte.

 

Hier findet ihr den englischen Trailer!

 

Wenn ihr euch für das Thema Abtreibung interessiert, dann sind hier noch ein paar interessante Videos für euch:

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